OffeneUrteileSuche
Beschluss

12 TE 2368/87

Hessischer Verwaltungsgerichtshof 12. Senat, Entscheidung vom

ECLI:DE:VGHHE:1987:1119.12TE2368.87.0A
5mal zitiert
8Zitate
2Normen
Originalquelle anzeigen

Zitationsnetzwerk

13 Entscheidungen · 2 Normen

VolltextNur Zitat
Entscheidungsgründe
Die auf den Kläger zu 1) betreffenden Teil des Verfahrens beschränkte Beschwerde des Bundesbeauftragten für Asylangelegenheiten ist zulässig und begründet. Der Rechtssache kommt hinsichtlich der Asylrelevanz des unerlaubten Verbleibens im Ausland (sog. passive Republikflucht), der Auslegung des neugeschaffenen § 1 a AsylVfG; und des Verhältnisses dieser gesetzlichen Bestimmung zu der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 26. November 1986 (BVerfGE 72, 51 = EZAR 200 Nr. 18 = DVBl. 1987, 130) grundsätzliche Bedeutung im Sinne von § 32 Abs. 2 Nr. 1 AsylVfG zu (ebenso für den ähnlich gelagerten Fall der Asylrelevanz der Asylantragstellung einer rumänischen Staatsangehörigen Hess. VGH, B. v. 5. Oktober 1987 - 12 TE 1326/87 -). Es war bisher in der höchstrichterlichen Rechtsprechung geklärt, daß zwar Nachfluchtgründe allgemein wegen der mit ihnen verbundenen Mißbrauchsgefahr einer besonders sorgfältigen Prüfung bedürfen, daß aber politische Verfolgung, die nur wegen mit oder nach der Flucht eingetretenen Umständen droht, nicht schon deshalb unbeachtlich ist, weil die zur Begründung des Asylbegehrens angeführten eigentlichen Gründe sich als nicht durchgreifend erwiesen haben (vgl. BVerwG, U. v. 8. November 1983, BVerwGE 68, 171 = EZAR 200 Nr. 9, und vom 15. Juli 1986, NVwZ 1987, 59 = EZAR 200 Nr. 16, ferner BVerfG, B. v. 13. April 1983, BVerfGE 64, 46 = EZAR 150 Nr. 5). Es bestand auch weitgehende Einigkeit darüber, daß eine Bestrafung wegen passiver Republikflucht, sofern sie dem konkreten Asylbewerber im Falle seiner Rückkehr droht, als asylbegründende politische Verfolgung im Sinne des Art. 16 Abs. 2 Satz 2 GG anzusehen ist (vgl. BVerwG, U. v. 7. Oktober 1975, Buchholz 402.24 Nr. 10 zu § 28 AuslG). Den politischen Charakter einer solchen Bestrafung hat die Rechtsprechung insbesondere für die einschlägigen ungarischen Strafvorschriften bejaht, und zwar sowohl für den § 205 UngStGB a.F. (BVerwG. U. v. 26. Oktober 1971, BVerwGE 39, 27, vom 27. März 1979, InfAuslR 1979, Heft 2, S. 41, und vom 24. April 1979, Buchholz 402.24 Nr. 13 zu § 28 AuslG) als auch für den ab 1. Juli 1979 geltenden § 217 Abs. 1 b UngStGB (BVerwG, B. v. 10. Februar 1984 - 9 B 337.83 -; Hess. VGH. U. v. 17. Januar 1985 - X OE 12/82 - und vom 5. September 1985 - X OE 220/82 -; VGH Mannheim, U. v. 26. April 1982 - A 13 S 407/81 -, vom 24. November 1983 - A 13 S 870/83 - und vom 28. November 1983 - A 13 S 653/83 -). Allerdings hat das Bundesverwaltungsgericht zwischenzeitlich entschieden, die in den Leitsätzen der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 26. November 1986 enthaltene Rechtsauffassung sei gem. § 31 BVerfGG für die Verwaltungsgerichte bindend, die frühere Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts zu den sog. subjektiven Nachfluchtgründen sei insoweit überholt und die Vorschrift des § 1 a AsylVfG laufe für solche Nachfluchtgründe leer, die nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 26. November 1986 schon vom Anwendungsbereich des Art. 16 Abs. 2 Satz 2 GG ausgeschlossen seien und regle für die nach dieser Entscheidung grundsätzlich beachtlichen Nachfluchtgründe darüber hinaus, daß bestimmte, ihre Herbeiführung betreffende Umstände bei der Asylentscheidung außer Betracht zu bleiben hätten (BVerwG, U. v. 19. Mai 1987 - 9 C 184.86 -, NVwZ 1987, 895 = InfAuslR 1987, 228 = EZAR 200 Nr. 19). Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts ist indes im Schrifttum vorwiegend auf Kritik gestoßen (vgl. u.a. Brunn, NVwZ 1987, 301 ; J. Hofmann, ZAR 1987, 115; J. Hofmann, DÖV 1987, 491; R. Hofmann, NVwZ 1987, 295; Huber, NVwZ 1987, 391; Kimminich, JZ 1987, 194; Wolf, InfAuslR 1987, 60; Wollenschläger/Becker, ZAR 1987, 51 ). Deshalb bedarf es einer grundsätzlichen rechtlichen und tatsächlichen Klärung, ob und unter welchen Voraussetzungen ungarische Staatsangehörige weiterhin als politisch Verfolgte im Sinne des Art. 16 Abs. 2 Satz 2 GG anzusehen und als Asylberechtigte anzuerkennen sind, wenn sie wegen ihres unerlaubten Verbleibens im Ausland nach einer Rückkehr in ihre Heimat mit Strafverfolgung zu rechnen haben. Das Beschwerdeverfahren wird gem. § 32 Abs. 5 Satz 4 AsylVfG als Berufungsverfahren fortgesetzt, ohne daß es der Einlegung der Berufung bedarf. Die Verteilung der Kosten des Beschwerdeverfahrens folgt aus der künftigen Kostenentscheidung im Berufungsverfahren. Die Festsetzung des Streitwerts ergibt sich aus den §§ 13 Abs. 1 Satz 2, 14 analog, 73 Abs. 1 Satz 2 GKG. Dieser Beschluß ist unanfechtbar (§§ 152 Abs. 1 Satz 1 VwGO, 25 Abs. 2 Satz 2 GKG).