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Beschluss

II-2 UF 135/10

Oberlandesgericht Hamm, Entscheidung vom

OberlandesgerichtECLI:DE:OLGHAM:2012:0626.II2UF135.10.00
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Entscheidungsgründe
Tenor Unter Zurückweisung der weitergehenden Beschwerde der Kindesmutter wird der Be­schluss des Amts­ge­richts - Fa­mi­lien­ge­richt - Bo­chum vom 11.06.2011 da­hin­ge­hend ab­ge­än­dert, dass ihr die elterliche Sorge insgesamt entzogen und die Vor­mund­schaft auf Frau Rechts­an­wäl­tin Q aus Z1 über­tra­gen wird. Die Vor­mund­schaft wird be­rufs­mä­ßig ge­führt, § 1836 Abs. 1 S. 2 BGB. Ge­richts­kos­ten wer­den für das Ver­fah­ren in 1. und 2. Ins­tanz nicht er­ho­ben. Au­ßer­ge­richt­li­che Kos­ten wer­den nicht er­stat­tet. Der Gegen­stands­wert des Be­schwer­de­ver­fah­rens wird auf 3.000,- € fest­ge­setzt. 1 Grün­de 2 I. 3 Das Kind Y, ge­bo­ren am ####2006, ist das ge­mein­sa­me Kind der am ####1984 ge­bo­re­nen An­trags­geg­ne­rin und Kin­des­mut­ter mit Herrn Q2. Auf­grund von Dro­gen­prob­le­men und ge­walt­tä­ti­gen Aus­ei­nan­der­set­zun­gen der Kin­des­eltern nahm das Ju­gend­amt Z1 das Kind Y im Juli 2007 in Obhut. Der Ver­such einer Rück­füh­rung des Kin­des zur Kin­des­mut­ter im Ok­to­ber 2007 schei­ter­te be­reits im No­vem­ber 2007. Im De­zem­ber 2007 hat das Fa­mi­lien­ge­richt Bo­chum der Kin­des­mut­ter die Per­so­nen­sor­ge vor­läu­fig ent­zo­gen und das Ju­gend­amt der Stadt C als Vor­mund ein­ge­setzt. Im April 2008 be­gann die Kin­des­mut­ter einer zwei­te Mut­ter-Kind-Maß­nah­me, die je­doch eben­falls im Juni 2008 schei­ter­te. Die be­treu­en­de Ein­rich­tung be­rich­te­te über hef­ti­ge Aus­ei­nan­der­set­zun­gen der Kin­des­mut­ter mit an­de­ren Mie­tern, Can­na­bis­kon­sum der Kin­des­mut­ter sowie eine feh­len­de Ref­lek­tion der Mut­ter über ihr eige­nes Ver­hal­ten. Da­rauf­hin wurde Y vom Ju­gend­amt in Obhut ge­nom­men und in der jet­zi­gen Pfle­ge­fa­mi­lie unter­ge­bracht. Auf Wunsch der Kin­des­mut­ter er­folg­te die Unter­brin­gung nicht bei den El­tern des Kin­des­va­ters. Gleich­zei­tig wie­der­hol­te das Ju­gend­amt am 17.06.2008 den An­trag auf Ent­zug der el­ter­li­chen Sorge. 4 Das auf­grund des Be­weis­be­schlus­ses vom 16.07.2008 ein­ge­hol­te ge­richt­li­che Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten der M Klinik Z1 (Dr. X2 kam zu dem Er­geb­nis, dass die Kin­des­mut­ter nicht je­der­zeit in der Lage sei, die el­ter­li­che Sorge für Y ohne Ge­fähr­dung des Kin­des­wohls aus­zu­üben. Eine dauer­haf­te Tren­nung des Kin­des von der Mut­ter sei je­doch noch nicht ge­bo­ten. 5 Da­rauf­hin begab sich die Kin­des­mut­ter Ende des Jah­res 2008 in eine (zum Teil sta­tio­nä­re) The­ra­pie. Gleich­zei­tig hat das Fa­mi­lien­ge­richt ein Er­gän­zungs­gut­ach­ten der Sach­ver­stän­di­gen Frau Dip­lom-Psy­cho­lo­gin H und Frau Dip­lom-Psy­cho­lo­gin U ein­ge­holt. 6 Die Kin­des­mut­ter hat mitt­ler­wei­le 2 Söhne, K, ge­bo­ren am ####2009, und K2, ge­bo­ren am ####2010, zu­sam­men mit ihrem Le­bens­ge­fähr­ten Herrn T, mit wel­chem sie seit Mitte 2008 zu­sam­men­lebt. Die zwi­schen­zeit­li­chen Hil­fe­maß­nah­men für die Kin­des­mut­ter und ihre jet­zi­ge Fa­mi­lie wur­den durch das Ju­gend­amt Z2 ein­ge­stellt, da diese vom dor­ti­gen Ju­gend­amt nicht wei­ter für not­wen­dig er­ach­tet wur­den. In dem Ab­schluss­be­richt der Fa­mi­lien­hil­fe stell­te das Ju­gend­amt Z2 fest, dass die Hilfe sehr gut an­ge­nom­men wor­den und zu kei­nem Zeit­punkt eine Kin­des­wohl­ge­fähr­dung er­kenn­bar ge­we­sen sei. 7 Das Kind Y geht seit dem 01.08.2009 von 8:00 Uhr bis vor dem Mit­tag in den Kin­der­gar­ten, zwei­mal in der Woche auch nach­mit­tags. Im Jahr 2009 trenn­ten sich die Pfle­ge­eltern. Es be­steht wei­ter­hin Kon­takt zum Pfle­ge­va­ter. 8 Zwi­schen Juni 2008 und April 2010 fan­den immer wie­der be­glei­ten­de Um­gangs­kon­tak­te, meist im Spiel­zim­mer des Ju­gend­am­tes, zwi­schen der Kin­des­mut­ter und Y statt, bei wel­chen die Mit­arbei­te­rin des Ju­gend­am­tes, Frau X3, an­we­send war. Die Be­suchs­kon­tak­te waren je­doch von Kon­flik­ten zwi­schen den Be­tei­lig­ten ge­prägt. 9 Am 16.02.2010 hat das Amts­ge­richt Bo­chum eine einst­wei­li­ge An­ord­nung in die­sem Ver­fah­ren er­las­sen und als Um­gangs­pfle­ge­rin Frau X ein­ge­setzt. Diese er­reich­te, dass unter ihrer Be­glei­tung wie­der Kon­tak­te zur Kin­des­mut­ter statt­fan­den. 10 Trotz der ein­ge­rich­te­ten Um­gangs­pfleg­schaft ver­zich­te­te die Kin­des­mut­ter auf An­ra­ten des Ju­gend­am­tes wegen des zum Teil er­heb­li­chen auto­ag­gres­si­ven Ver­hal­tens von Y zu­nächst auf Kon­tak­te zu dem Kind, um Y ein Ein­le­ben in der Pfle­ge­fa­mi­lie zu er­mög­li­chen. 11 Mit dem Be­schluss vom 11.06.2010 hat das Fa­mi­lien­ge­richt Bo­chum der Kin­des­mut­ter die Per­so­nen­sor­ge für Y ent­zo­gen und das Ju­gend­amt der Stadt C zum Per­so­nen­sor­ge­pfle­ger des Kin­des be­stellt. Zur Be­grün­dung führt das Fa­mi­lien­ge­richt aus, dass das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten hin­sicht­lich der Er­zie­hungs­fä­hig­keit der Kin­des­mut­ter und der Frage mög­li­cher Ge­fähr­dun­gen Ys bei einer even­tu­el­len Rück­füh­rung zur Kin­des­mut­ter wegen der zwi­schen­zeit­li­chen Bin­dun­gen in der Pfle­ge­fa­mi­lie zu kei­nem ein­deu­ti­gen Er­geb­nis ge­kom­men sei. In dem Ge­spräch mit dem Rich­ter habe die Kin­des­mut­ter mit­ge­teilt, dass sie das Kind zwar nicht end­gül­tig auf­ge­ben wolle. Sie sehe je­doch ein, dass sie den An­for­de­run­gen, die das Kind an sie stel­le – auch im Hin­blick auf die Ver­sor­gung ihres Soh­nes und eines wei­te­ren Kin­des, des­sen Ge­burt be­vor­ste­he – mög­li­cher­wei­se nicht immer aus­rei­chend ge­recht wer­den könne. Auf­grund der schwie­ri­gen Ge­samt­be­din­gun­gen sei das Ge­richt auf der Grund­la­ge des Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens zu dem Schluss ge­kom­men, dass das Wohl des Kin­des ge­fähr­det wäre, wenn es unter den schwie­ri­ge­ren Ge­samt­be­din­gun­gen wie­der in der Obhut ihrer Mut­ter leben würde. Eine Rück­füh­rung sei erst dann mög­lich, wenn die Kin­des­mut­ter stark genug wäre, für 3 Kin­der zu sor­gen, da­runter einem Säug­ling und Y mit ihren au­ßer­ge­wöhn­lich gro­ßen Er­zie­hungs­an­for­de­run­gen. Hier­von sei gegen­wär­tig nicht aus­zu­ge­hen, zumal Y an­ge­sichts der viel­fach fehl­ge­schla­ge­nen Be­suchs­kon­tak­te noch keine aus­rei­chen­de Bin­dung zu ihrer Mut­ter ge­fun­den habe. 12 Auf­grund eines Be­schlus­ses des Se­na­tes vom 06.07.2010 fin­den jeden Don­ners­tag im Monat von 14:00 Uhr bis 16:00 Uhr Be­suchs­kon­tak­te mit den Groß­eltern von Y (El­tern des Kin­des­va­ters) statt. 13 Nach der Er­örte­rung im Se­nats­ter­min vom 16.12.2010 hat der Senat einen Be­weis­be­schluss er­las­sen da­hin­ge­hend, ein er­gän­zen­des fa­mi­lien­psy­cho­lo­gi­sches Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten durch die Sach­ver­stän­di­gen Frau Dip­lom-Psy­cho­lo­gin H und Frau Dip­lom-Psy­cho­lo­gin U ein­zu­ho­len. 14 Ein Kon­takt­ver­such auf An­re­gung der Sach­ver­stän­di­gen im Ju­gend­amt im Ja­nu­ar 2011 schei­ter­te. Y wei­ger­te sich unter Schrei­en, den Um­gang durch­zu­füh­ren, so dass der Kon­takt vor einem Zu­sam­men­tref­fen von Mut­ter und Toch­ter ab­ge­bro­chen wurde. 15 Erst durch die einst­wei­li­ge An­ord­nung des Se­na­tes vom 18.10.2011 zur Durch­füh­rung der Um­gangs­kon­tak­te am 07.11.2011, 24.11.2011 und 01.12.2011 im Rah­men der Be­gut­ach­tung kam es wie­der zu einem Kon­takt zwi­schen Kin­des­mut­ter und Y. 16 Die Kin­des­mut­ter wen­det sich mit ihrer form- und frist­ge­mäß ein­ge­leg­ten Be­schwer­de gegen die Ent­zie­hung der Per­so­nen­sor­ge in dem Be­schluss des Fa­mi­lien­ge­rich­tes Bo­chum vom 11.06.2010. Sie ver­weist da­rauf, dass sie keine so­for­ti­ge Rück­füh­rung des Kin­des in ihren Haus­halt wolle. Sie habe al­ler­dings den Wunsch, das "fal­sche Bild" über sie bei dem Kind Y kor­ri­gie­ren zu kön­nen. Die Um­gangs­kon­tak­te seien durch das Ju­gend­amt unter­bun­den wor­den. Sie habe schon da­mals nicht ver­stan­den, warum ihr die el­ter­li­che Sorge ent­zo­gen wor­den sei. Sie sei sogar mit der vor­ge­schla­ge­nen Um­gangs­pau­se ein­ver­stan­den ge­we­sen. Ihr Ver­hält­nis zu ihrer Toch­ter sei da­mals super ge­we­sen. Diese habe aber jetzt ein fal­sches Bild von ihr. Sie müsse die Bin­dung zu ihrer Toch­ter erst wie­der auf­bau­en. 17 Das Ju­gend­amt er­klär­t sich so­wohl münd­lich als auch schrift­lich zur Be­schwer­de da­hin­ge­hend, dass Kon­tak­te zwi­schen Kin­des­mut­ter und Kind erst wie­der statt­fin­den soll­ten, wenn diese Kon­tak­te vom Kind an­ge­strebt wer­den. Aus Sicht des Ju­gend­am­tes solle das Kind in der Pfle­ge­fa­mi­lie blei­ben. Die Kin­des­mut­ter habe sich gut ent­wi­ckelt. Es soll­te al­ler­dings das Kin­des­wohl an 1. Stel­le ste­hen. Das Kind ver­wei­ge­re die Um­gangs­kon­tak­te. Die Auto­ag­gres­sio­nen bei Y seien zwar we­ni­ger ge­wor­den. Sie wür­den aber wei­ter­hin im Zu­sam­men­hang mit den Be­suchs­kon­tak­ten mit den Groß­eltern auf­tre­ten. 18 Die Ver­fah­rens­pfle­ge­rin ver­weist da­rauf, dass es lange Zeit keine Um­gangs­kon­tak­te zur Kin­des­mut­ter ge­ge­ben und das Kind eine feste Bin­dung in der Pfle­ge­fa­mi­lie habe. Das Kind be­kom­me je­doch die Kon­flik­te zwi­schen der Kin­des­mut­ter auf der einen Seite und dem Ju­gend­amt und der Pfle­ge­mut­ter auf der an­de­ren Seite mit. Hier­durch seien die Um­gangs­kon­tak­te stark be­las­tet. Der Kon­flikt be­ste­he auch des­halb, weil das Ju­gend­amt auch als Vor­mund und bei der Be­glei­tung der Kon­tak­te selbst be­tei­ligt sei. Es wäre sinn­voll, einen neut­ra­len Vor­mund ein­zu­set­zen. 19 Der Senat hat ein er­gän­zen­des Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten durch die Sach­ver­stän­di­gen Frau Dip­lom-Psy­cho­lo­gin H und Frau Dip­lom-Psy­cho­lo­gin U ein­ge­holt. Zum Er­geb­nis der Be­weis­auf­nah­me wird Bezug ge­nom­men auf das schrift­li­che Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten vom 20.01.2012 (Bl. 485-578 der Akte) sowie auf den Be­richt­er­stat­ter­ver­merk über den Se­nats­ter­min vom 26.04.2012 (Bl. 642 bis 644 der Akte). Zudem hat der Senat die Kin­des­mut­ter, das Ju­gend­amt, die Ver­fah­rens­pfle­ge­rin und das Kind per­sön­lich an­ge­hört. 20 II. 21 Die zu­läs­si­ge Be­schwer­de iführt zu der aus dem Tenor er­sicht­li­chen Abänderung des angefochtenen Beschlusses. 22 1. 23 a) 24 Zum der­zei­ti­gen Zeit­punkt ist ein Ent­zug der el­ter­li­chen Sorge der Kin­des­mut­ter für das Kind Y nach §§ 1666, 1666 a BGB er­for­der­lich. 25 aa) 26 Nach § 1666 Abs. 1 BGB kommt eine Ent­zie­hung der Per­so­nen­sor­ge für ein Kind dann in Be­tracht, wenn das kör­per­li­che, geis­ti­ge oder see­li­sche Wohl des Kin­des ge­fähr­det ist und die El­tern nicht wil­lens oder in der Lage sind, die Ge­fahr ab­zu­wen­den. Dabei muss es sich um eine gegen­wär­ti­ge oder zu­min­dest nahe be­vor­ste­hen­de Ge­fahr für die Ent­wick­lung des Kin­des han­deln, die so ernst zu neh­men ist, dass sich eine Be­ein­träch­ti­gung sei­nes kör­per­li­chen, geis­ti­gen oder see­li­schen Wohls mit ziem­li­cher Si­cher­heit vo­raus­sa­gen lässt (vgl. BGH, Be­schluss vom 15.12.2004 – XII Z B 166/03 – FamRZ 2005, 344, Rz. 11). Da­rüber hi­naus ist der Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit zu be­ach­ten. Da die Ent­zie­hung der el­ter­li­chen Sorge den stärks­ten vor­stell­ba­ren Ein­griff in das durch Art. 6 Abs. 2 und Abs. 3 GG ge­schütz­te El­tern­recht dar­stellt, ist eine sol­che Maß­nah­me nur ge­recht­fer­tigt, wenn mas­siv be­las­ten­de Er­mitt­lungs­er­geb­nis­se und ein ent­spre­chend hohes Ge­fähr­dungs­poten­tial vor­lie­gen und keine an­de­ren mil­de­ren Mit­tel ge­ge­ben sind, die ge­eig­net sind, die be­stehen­de Ge­fahr ab­zu­wen­den (vgl. § 1666a Abs. 1 S. 1, Abs. 2 BGB). Ins­be­son­de­re bei einer Tren­nung des Kin­des von den leib­li­chen El­tern und einer Unter­brin­gung des Kin­des in einer Pfle­ge­fa­mi­lie müs­sen die Grund­rech­te der Be­tei­lig­ten, d.h. des Kin­des und der El­tern, maß­geb­lich be­rück­sich­tigt wer­den und es muss sich um eine Kon­kor­danz der ver­schie­de­nen Grund­rech­te be­müht wer­den. (Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Kam­mer­be­schluss vom 31.03.2010 – 1 BvR 2910/09 – FamRZ 2010, 865) 27 Unter Be­rück­sich­ti­gung die­ser Grund­sät­ze ist zum der­zei­ti­gen Zeit­punkt (noch) eine Ent­zie­hung der ge­sam­ten el­ter­li­chen Sorge er­for­der­lich. 28 Die Kin­des­mut­ter hat zwar in der per­sön­li­chen An­hö­rung im Se­nats­ter­min und auch gegen­über den Sach­ver­stän­di­gen er­klärt, dass sie der­zeit eine Rück­füh­rung ihrer Toch­ter nicht be­trei­ben will. Das see­li­sche Wohl des Kin­des ist zum gegen­wär­ti­gen Zeit­punkt je­doch be­reits durch die bloße Mög­lich­keit einer sol­chen Ent­schei­dung durch die leib­li­che Mut­ter ge­fähr­det. Das Kind ist und fühlt sich zum der­zei­ti­gen Zeit­punkt voll­stän­dig in der Fa­mi­lie der Pfle­ge­mut­ter ein­ge­bun­den. Auf­grund des lan­gen Kon­takt­ab­bru­ches be­stehen keine trag­fä­hi­gen Bin­dun­gen des Kin­des zur Kin­des­mut­ter. Das Kind be­fin­det sich nach den Aus­füh­run­gen der Sach­ver­stän­di­gen in einem Alter, in dem es aus­schließ­lich be­strebt ist, den gegen­wär­ti­gen Zu­stand zu er­hal­ten. 29 Erst wenn die Bin­dun­gen des Kin­des zur Kin­des­mut­ter wie­der­be­lebt sind, lässt sich auch gegen­über dem Kind ver­mit­teln, dass die recht­li­chen Ent­schei­dun­gen durch die leib­li­che Mut­ter er­fol­gen, auch wenn es sich wei­ter­hin (vo­rü­ber­ge­hend) im Haus­halt der Pfle­ge­mut­ter auf­hält. 30 Da­rüber hi­naus be­steht die Ge­fähr­dung durch das schwie­ri­ge Ver­hält­nis der Kin­des­mut­ter zum Jungen­damt und zur Pfle­ge­mut­ter. In­so­weit wird auf die nach­fol­gen­de Dar­stel­lung zur Er­for­der­lich­keit ver­wie­sen. 31 bb) 32 Der Kin­des­mut­ter ist - über die an­ge­foch­te­ne Ent­schei­dung hi­naus - die ge­sam­te el­ter­li­che Sorge zu ent­zie­hen. Aus den vor­ste­hen­den Grün­den (und auch den nach­fol­gen­den Aus­füh­run­gen) lässt sich eine Tren­nung der Ent­schei­dung zwi­schen Per­so­nen­sor­ge und Ver­mö­gens­sor­ge nicht recht­fer­ti­gen. Der Be­schluss des Fa­mi­lien­ge­rich­tes ist ohne nä­he­re Be­grün­dung da­hin­ge­hend for­mu­liert, dass nur die "Per­so­nen­sor­ge" ent­zo­gen wird. Die an­ge­foch­te­ne Ent­schei­dung muss­te daher in­so­weit zu Las­ten der Kin­des­mut­ter ab­ge­än­dert wer­den. 33 Das Ver­bot der Schlecht­er­stel­lung fin­det im Ver­fah­ren nach § 1666 BGB keine An­wen­dung, da in die­sem die Dis­posi­tions­ma­xi­me nicht gilt (BGH, Be­schluss vom 17.10.2007 – XII ZB 42/07 – FamRZ 2008, 45, Rz. 24). Hier­auf wurde die Kin­des­mut­ter mit Be­schluss vom 24.5.2012 hin­ge­wie­sen. 34 b) 35 Eine Ver­blei­ben­sa­nord­nung nach § 1632 Abs. 4 BGB ist zum gegen­wär­ti­gen Zeit­punkt nicht aus­rei­chend, auch wenn nach der Fest­stel­lung der Sach­ver­stän­di­gen keine Ein­schrän­kung der Kin­des­mut­ter in ihrer Per­son be­züg­lich der Aus­übung der al­lei­ni­gen el­ter­li­chen Sorge vor­han­den ist. Eine Ver­blei­ben­sa­nord­nung ist dann nicht ge­eig­net oder nicht aus­rei­chend, um die be­stehen­de Ge­fahr für das Kin­des­wohl ab­zu­wen­den, wenn das Ver­hält­nis zwi­schen den leib­li­chen El­tern und den Pfle­ge­per­so­nen so ge­stört ist, dass eine am Kin­des­wohl aus­ge­rich­te­te Aus­übung der el­ter­li­chen Sorge nicht statt­fin­det oder mit ziem­li­cher Si­cher­heit nicht zu er­war­ten ist (Senat, FamRZ 2010, 865, (OLG Frank­furt am Main, Be­schluss vom 28.02.2002 – 5 UF 133/01 – FamRZ 2002, 1277) 36 Zum der­zei­ti­gen Zeit­punkt be­steht keine Basis zwi­schen leib­li­cher Mut­ter und Pfle­ge­mut­ter, damit Fra­gen der el­ter­li­chen Sorge zwi­schen die­sen an­ge­mes­se­n er­örtert und ge­löst wer­den kön­nen. Nach den Fest­stel­lun­gen der Sach­ver­stän­di­gen ist zudem das Ko­ope­ra­tions­ver­hält­nis von Ju­gend­amt und Kin­des­mut­ter "auf­ge­ho­ben". Gleich­zei­tig be­stehen auf­grund des Kon­takt­ab­bru­ches zur Zeit sämt­li­che Bin­dun­gen des Kin­des aus­schließ­lich zur Pfle­ge­mut­ter und keine zur leib­li­chen Mut­ter. Hie­raus er­gibt sich nach der nach­voll­zieh­ba­ren und plau­sib­len Ein­schät­zung der Sach­ver­stän­di­gen eine Si­tu­a­tion, in wel­cher es zu­nächst nur darum gehen kann, das be­stehen­de "Sys­tem" aus Kind, leib­li­cher Mut­ter und Pfle­ge­mut­ter so zu ana­ly­sie­ren und ge­ge­be­nen­falls zu ver­än­dern, dass hier­durch die Mög­lich­keit einer kon­s­t­ruk­ti­ven Än­de­rung ge­schaf­fen wird. Auf wel­che Weise dies er­fol­gen kann, lässt sich zum der­zei­ti­gen Zeit­punkt auch von den Sach­ver­stän­di­gen noch nicht ein­schät­zen. Die Ver­än­de­rung der recht­li­chen Si­tu­a­tion da­hin­ge­hend, dass die recht­li­chen Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se durch die Kin­des­mut­ter aus­ge­übt wer­den, be­ein­flusst das Be­zie­hungs­sys­tem je­doch in der Weise, dass hier­durch die Ge­fahr einer Ver­fes­ti­gung der der­zei­ti­gen Si­tu­a­tion be­stehen würde. 37 2. 38 Hin­sicht­lich der Per­son des Vor­mun­des war der Be­schluss des Fa­mi­lien­ge­rich­tes ab­zu­än­dern. Nach dem Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten ent­spricht es nicht dem Wohl des Kin­des, dass das Ju­gend­amt der Stadt Z1 als Er­gän­zungs­pfle­ger ein­ge­setzt wird. 39 Die Prob­le­me zwi­schen der Kin­des­mut­ter und dem Ju­gend­amt wur­den bei der Aus­wahl­ent­schei­dung durch das Fa­mi­lien­ge­richt nicht aus­rei­chend be­rück­sich­tigt. Die Aus­wahl des Vor­mun­des rich­tet sich nach den §§ 1773 Abs. 1, 1779 Abs. 1, 1915 Abs. 1 S. 1 BGB. Bei der Aus­wahl des Vor­mun­des ist ins­be­son­de­re § 1779 Abs. 2 BGB zu be­rück­sich­ti­gen, wel­cher die Grund­la­ge für einen ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Aus­gleich zwi­schen den ver­fas­sungs­recht­li­chen Posi­tio­nen, ins­be­son­de­re den durch Art. 6 Abs. 2 GG ge­schütz­ten El­tern­recht, schafft (Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Kam­mer­be­schluss vom 08.03.2012 – 1 BvR 206/12 – Rz. 25, zi­tiert nach juris). 40 Durch das Ju­gend­amt der Stadt Z1 wurde die Si­tu­a­tion nicht im Sinne des Kin­des­wohls ge­re­gelt und es ist bis­her eine sach­ge­rech­te Ver­mitt­lung zwi­schen Kin­des­mut­ter und Pfle­ge­mut­ter an­ge­strebt wor­den. Im Rah­men der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit der Maß­nah­men nach § 1666a BGB muss be­rück­sich­tigt wer­den, dass ein Pfle­ge­ver­hält­nis ge­ne­rell nicht so ver­fes­tigt wer­den darf, dass die leib­li­chen El­tern mit des­sen Be­grün­dung na­he­zu in jedem Fall den dauer­haf­ten Ver­bleib ihres Kin­des in der Pfle­ge­fa­mi­lie be­fürch­ten müs­sen (Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Kam­mer­be­schluss vom 25.11.2003 – 1 BvR 1248/03 – FamRZ 2004,771; Senat, Be­schluss vom 20.05.2010 – 2 UF 280/09 – FamRZ 2010, 2083). Die In­pfle­ge­nah­me eines Kin­des stellt grund­sätz­lich eine vo­rü­ber­ge­hen­de Maß­nah­me dar, die zu be­en­den ist, so­bald die Um­stän­de es er­lau­ben. Alle Durch­füh­rungs­maß­nah­men haben mit dem an­zu­stre­ben­den Ziel der Zu­sam­men­füh­rung von El­tern und Kind in Ein­klang zu ste­hen (vgl. EGMR, Urteil vom 08.04.2004 – 11057/02 – NJW 2004, 3401). 41 Aus der gegen­über der Sach­ver­stän­di­gen ge­äu­ßer­ten Sicht der ur­sprüng­lich in dem Ver­fah­ren ein­ge­setz­ten Um­gangs­pfle­ge­rin be­sitzt die Pfle­ge­mut­ter nicht die not­wen­di­gen Kom­pe­ten­zen, um dem Pfle­ge­kind un­ein­ge­schränk­te Kon­tak­te zu sei­ner Mut­ter zu er­mög­li­chen und die Sache zu be­frie­den. 42 In­so­weit wäre es Auf­ga­be des Ju­gend­am­tes ge­we­sen, hier kor­ri­gie­rend ein­zu­grei­fen und zu ver­mit­teln. Nach der Er­örte­rung und dem Er­geb­nis des Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens be­steht je­doch der Ein­druck, dass das Ju­gend­amt selbst den Kon­tak­ten zwi­schen Kind und Mut­ter di­s­tan­ziert gegen­über­steht und diese nicht aus­rei­chend för­dert. Es muss daher dem Kind über einen neut­ra­len Vor­mund er­mög­licht wer­den, die ge­bo­te­nen Hil­fe­maß­nah­men ge­ge­be­nen­falls auch gegen den Wil­len des Ju­gend­am­tes durch­zu­set­zen. Nach dem nach­voll­zieh­ba­ren und plau­sib­len Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten be­steht die Chan­ce einer An­nä­he­rung von Kin­des­mut­ter und Kind aus­schließ­lich durch eine "sys­te­mi­sche The­ra­pie". Nur über eine sol­che lässt sich das Ge­samt­sys­tem aus leib­li­cher Mut­ter, Pfle­ge­kind und Pfle­ge­mut­ter so ver­än­dern, dass über­haupt wie­der Um­gangs­kon­tak­te durch­führ­bar sind. Die zwi­schen­zeit­lich er­teil­te Zu­sa­ge des Ju­gend­am­tes für eine ent­spre­chen­de sechs­mo­na­ti­ge Maß­nah­me einer pä­da­go­gi­schen Fach­kraft mit sys­te­mi­sche Zu­satz­aus­bil­dung kann in­so­weit ein ers­ter Schritt sein, die Si­tu­a­tion so zu ver­än­dern, dass die Rechts­posi­tio­nen ein­schließ­lich des grund­recht­lich ge­schütz­ten El­tern­rech­tes der Kin­des­mut­ter in einen an­ge­mes­se­nen Aus­gleich ge­bracht wer­den. 43 Auch von Sei­ten der Ver­fah­rens­pfle­ge­rin er­folg­te der Vor­schlag, einen "neut­ra­len" Vor­mund für das Kind zu be­stel­len. Die­sem Vor­schlag hat sich die Kin­des­mut­ter an­ge­schlos­sen. 44 3. 45 Zu­tref­fend hat das Amts­ge­richt be­reits da­rauf ver­wie­sen, dass der Kin­des­va­ter der­zeit als Vor­mund nicht in Be­tracht kommt, § 1680 Abs. 2 S. 2 BGB. Auch im Be­schwer­de­ver­fah­ren hat der Kin­des­va­ter mit­ge­teilt, dass er sich zu­nächst um seine Per­son und seine Prob­le­me küm­mern müsse, so dass er der­zeit für eine Wahr­neh­mung der el­ter­li­chen Sorge nicht zur Ver­fü­gung steht. 46 4. 47 Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf den §§ 131 Abs. 3 KostO, 13a Abs. 1 S. 2 FGG aF. 48 Die Fest­set­zung des Gegen­stands­wer­tes rich­tet sich nach § 30 Abs. 2 KostO aF.