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Urteil

7 S 193/11

Landgericht Duisburg, Entscheidung vom

Ordentliche GerichtsbarkeitLandgerichtECLI:DE:LGDU:2012:0615.7S193.11.00
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Entscheidungsgründe
Tenor Auf die Be­ru­fung der Klä­ge­rin wird das am 08.12.2011 ver­kün­de­te Urteil des Amts­ge­richts Wesel (Az. 5 C 105/11) teil­wei­se ab­ge­än­dert und ins­ge­samt wie folgt neu ge­fasst: Die Be­klag­te wird ver­urteilt, an die Klä­ge­rin 257,38 € nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 04.08.2011 zu zah­len. Im Üb­ri­gen wird die Klage ab­ge­wie­sen. Die wei­ter­ge­hen­de Be­ru­fung wird zu­rück­ge­wie­sen. Die Kos­ten des Rechts­streits haben die Klä­ge­rin zu 65 % und die Be­klag­te zu 35 % zu tra­gen. Die­ses Urteil ist vor­läu­fig voll­streck­bar. 1 G r ü n d e : 2 I. 3 Wegen der tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen wird Bezug ge­nom­men auf das an­ge­foch­te­ne Urteil (Bl. 51 ff. d. A.). Im Üb­ri­gen wird von einer Dar­stel­lung des Sach- und Streit­stan­des gemäß §§ 540 Abs. 2, 313 a Abs. 1 S. 1 ZPO ab­ge­se­hen. 4 II. 5 Die Be­ru­fung der Klä­ge­rin hat teil­wei­se Er­folg. 6 1. Die Klä­ge­rin kann von der Be­klag­ten gemäß §§ 7 Abs. 1 StVG, 115 Abs. 1 S. 1 VVG, 398 BGB wei­te­re Miet­wa­gen­kos­ten in Höhe von 257,38 € ver­lan­gen (847,38 € ab­züg­lich des be­reits ge­zahl­ten Be­trags von 590,00 €). 7 a) Die von der Be­klag­ten in ers­ter Ins­tanz er­ho­be­nen Be­den­ken gegen die Wirk­sam­keit der zwi­schen der Un­fall­ge­schä­dig­ten, Frau , und der Klä­ge­rin ver­ein­bar­ten Ab­tre­tung der Scha­dens­er­satz­for­de­rung auf Er­stat­tung der Miet­wa­gen­kos­ten sind un­be­grün­det. Nach über­wie­gen­der, von der Kam­mer ge­teil­ter und in­zwi­schen auch vom Bun­des­ge­richts­hof be­stä­tig­ter Auf­fas­sung stellt die Ein­zie­hung er­fül­lungs­hal­ber ab­ge­tre­te­ner Scha­dens­er­satz­for­de­run­gen durch ein Miet­wa­gen­unter­neh­men jeden­falls dann eine nach § 5 Abs. 1 S. 1 RDG er­laub­te Neben­tä­tig­keit dar, wenn – wie hier – al­lein die Höhe der Miet­wa­gen­kos­ten strei­tig ist (BGH, ZIP 2012, 478 m. w. N. unter aus­drück­li­cher Ab­leh­nung der von der Klä­ge­rin zi­tier­ten Recht­spre­chung der 4. Zi­vil­kam­mer des LG Stutt­gart). 8 b) Was die Höhe des An­spruchs an­geht, ist das Amts­ge­richt im An­satz zu­tref­fend davon aus­ge­gan­gen, dass die Klä­ge­rin nach § 249 Abs. 2 S. 1 BGB als er­for­der­li­chen Her­stel­lungs­auf­wand nur den Er­satz der Miet­wa­gen­kos­ten er­lan­gen kann, die ein ver­stän­di­ger, wirt­schaft­lich ver­nünf­tig den­ken­der Mensch in der Lage des Ge­schä­dig­ten für zweck­mä­ßig und not­wen­dig hal­ten darf. Nach dem aus dem Grund­satz der Er­for­der­lich­keit her­ge­lei­te­ten Wirt­schaft­lich­keits­ge­bot ist der Ge­schä­dig­te ge­hal­ten, im Rah­men des ihm Zu­mut­ba­ren von meh­re­ren mög­li­chen stets den wirt­schaft­li­che­ren Weg zur Scha­dens­be­he­bung zu wäh­len. Für den Be­reich der Miet­wa­gen­kos­ten be­deu­tet dies nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, dass der Ge­schä­dig­te von meh­re­ren auf dem ört­lich re­le­van­ten Markt ver­füg­ba­ren An­ge­bo­ten für die An­mie­tung eines ver­gleich­ba­ren Er­satz­fahr­zeugs grund­sätz­lich nur den güns­ti­ge­ren Tarif er­setzt ver­lan­gen kann, es sei denn, er legt dar und weist ggf. nach, dass für ihn unter Be­rück­sich­ti­gung sei­ner in­di­vi­du­el­len Er­kennt­nis- und Ein­fluss­mög­lich­kei­ten sowie der ge­ra­de für ihn be­stehen­den Schwie­rig­kei­ten unter zu­mut­ba­ren An­stren­gun­gen auf dem in sei­ner Lage zeit­lich und ört­lich re­le­van­ten Markt – zu­min­dest auf Nach­fra­ge – kein we­sent­lich güns­ti­ge­rer Tarif zu­gäng­lich war (zu­letzt BGH, NJW 2011, 1947 m. w. N.). 9 Eine Eil­si­tu­a­tion, die die Ge­schä­dig­te von den vor­ste­hend dar­ge­stell­ten An­for­de­run­gen be­freien würde, lag nicht vor, da die An­mie­tung nach dem eige­nen Vor­brin­gen der Klä­ge­rin erst am spä­ten Mit­tag des auf den Un­fall­abend fol­gen­den Tages statt­fand, der Ge­schä­dig­ten mit­hin aus­rei­chend Zeit ver­blie­ben wäre, sich bei an­de­ren ört­li­chen An­bie­tern nach güns­ti­ge­ren Ta­ri­fen zu er­kun­di­gen. 10 c) Die nach den oben ste­hen­den Grund­sät­zen er­for­der­li­chen Miet­wa­gen­kos­ten kön­nen vom Ge­richt gemäß § 287 ZPO im Wege einer Schät­zung er­mit­telt wer­den, in deren Rah­men das Ge­richt auf Ta­bel­len oder Lis­ten zu­rück­grei­fen kann. Für den Be­reich der Miet­wa­gen­kos­ten exis­tie­ren ak­tu­ell zwei sol­cher Lis­ten, näm­lich zum einen der Schwacke-Auto­miet­preis­spie­gel 2010 („Schwacke-Liste“) und zum an­de­ren die Stu­die der „Markt­preis­spie­gel Miet­wa­gen Deutsch­land 2010“ des Fraun­ho­fer Ins­ti­tuts Arbeits­wirt­schaft und Or­ga­ni­sa­tion („Fraun­ho­fer-Liste“), die von der Recht­spre­chung grund­sätz­lich als taug­li­che An­knüp­fungs­punk­te für eine Schät­zung an­erkannt wer­den, so­lan­ge nicht mit kon­kre­ten Tat­sa­chen Män­gel der be­tref­fen­den Schät­zungs­grund­la­ge auf­ge­zeigt wer­den, die sich auf den zu ent­schei­den­den Fall in er­heb­li­chem Um­fang aus­wir­ken (BGH, a. a. O.). 11 Gleich­wohl ver­mag die Kam­mer der Auf­fas­sung des Amts­ge­richts, die Schät­zung könne al­lein auf der Grund­la­ge der Fraun­ho­fer-Liste in Kom­bi­na­tion mit einer eige­nen Inter­net-Re­cher­che des Ge­richts er­fol­gen, nicht zu fol­gen. Gegen die Fraun­ho­fer-Liste spricht, dass sie auf­grund des le­dig­lich zwei­stel­li­gen Post­leit­zah­len­ras­ters den ört­li­chen Markt nicht kon­kret ab­bil­det, dass den er­mit­tel­ten Prei­sen eine für Un­fall­si­tu­a­tio­nen un­rea­lis­ti­sche Vor­bu­chungs­zeit von einer Woche zu­grun­de liegt und dass ihre Daten­ba­sis ganz über­wie­gend auf Inter­net­an­ge­bo­ten be­ruht, die auf dem ört­li­chen Markt nicht ohne wei­te­res zu­gäng­lich sind und auf die sich der Ge­schä­dig­te grund­sätz­lich nicht ver­wei­sen zu las­sen braucht. Der zu­letzt ge­nann­te Man­gel wird durch die vom Amts­ge­richt durch­ge­führ­te eige­ne Inter­net-Re­cher­che nicht be­ho­ben, son­dern im Gegen­teil ein­drucks­voll be­stä­tigt. 12 Aber auch gegen die Taug­lich­keit der Schwacke-Liste als al­lei­ni­ge Schät­zungs­grund­la­ge be­stehen er­heb­li­che Be­den­ken. Grund­la­ge der Preis­er­mitt­lung der Schwacke-Liste sind aus­schließ­lich schrift­li­che Preis­lis­ten, die län­ge­re Gül­tig­keit haben und je­der­mann zu­gäng­lich sind. Dabei wird nach dem Vor­wort der Schwacke-Liste be­wusst in Kauf ge­nom­men, dass auf­grund der Art der an­ge­bo­te­nen Dienst­leis­tung Ab­wei­chun­gen zwi­schen den län­ger­fris­ti­gen An­ge­bots­prei­sen und den rea­li­sier­ten Prei­sen exis­tie­ren, die sich aus der Art der nicht la­ge­rungs­fä­hi­gen an­ge­bo­te­nen Dienst­leis­tung er­ge­ben, was den ein­zel­nen Ver­mie­ter zur Um­satz­er­zie­lung durch­aus ver­an­las­sen kann, seine Prei­se kurz­fris­tig zu sen­ken (vgl. Schwacke-Auto­miet­preis­spie­gel 2010, S. 7 f.). Mit an­de­ren Wor­ten ist der Me­tho­dik der Schwacke-Liste im­ma­nent, dass ge­ra­de nicht die kon­kret am Markt ge­han­del­ten Prei­se, son­dern nur die ab­s­trakt-ge­ne­rell für einen be­stimm­ten Zeit­raum von den An­bie­tern vor­ge­ge­be­nen Prei­se er­fasst wer­den (vgl. LG Duis­burg, Urteil vom 23.02.2012 – 5 S 74/11). 13 In An­be­tracht der gegen beide Lis­ten be­stehen­den Vor­be­hal­te hält die Kam­mer es mit einer im Vor­drin­gen be­find­li­chen, vom Bun­des­ge­richts­hof aus­drück­lich ge­bil­lig­ten (BGH, NJW-RR 2010, 1251) Auf­fas­sung für sach­ge­recht, die er­for­der­li­chen Miet­wa­gen­kos­ten nach dem arith­me­ti­schen Mit­tel der sich aus den bei­den Lis­ten er­ge­ben­den Miet­prei­se zu be­stim­men (OLG Saar­brü­cken, NJW-RR 2010, 541; OLG Köln, Scha­den-Pra­xis 2010, 396; LG Bie­le­feld, Urt. v. 09.10.2009 – 21 S 27/09; LG Karls­ru­he, Urt. v. 14.05.2010 – 9 S 442/09, je­weils zi­tiert nach juris). Die Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens war nicht ge­bo­ten, da die voll­stän­di­ge Auf­klä­rung aller maß­ge­ben­den Um­stän­de mit er­heb­li­chen Schwie­rig­kei­ten und Kos­ten ver­bun­den wäre, die in kei­nem an­ge­mes­se­nen Ver­hält­nis zur Höhe der Kla­ge­for­de­rung stün­den. Zudem ist nicht zu er­war­ten, dass die einem Sach­ver­stän­di­gen zur Ver­fü­gung ste­hen­den Er­kennt­nis­mit­tel den Er­kennt­nis­me­tho­den, die den ge­nann­ten Lis­ten zu­grun­de lie­gen, grund­sätz­lich über­le­gen sind und daher zu ge­nau­eren Er­geb­nis­sen füh­ren könn­ten (vgl. OLG Köln, a. a. O.). 14 d) Hier­nach ist im vor­lie­gen­den Fall von er­satz­fä­hi­gen Miet­wa­gen­kos­ten in Höhe von ins­ge­samt 847,38 € aus­zu­ge­hen. 15 Nach der Fraun­ho­fer-Liste kos­tet ein Fahr­zeug der von der Ge­schä­dig­ten an­ge­mie­te­ten Fahr­zeug­klas­se 5 bei einer Miet­dau­er von 13 Tagen 520,06 € (280,03 € : 7 x 13) ein­schließ­lich Voll­kas­ko­ver­si­che­rung. Nach der Schwacke-Liste er­gibt sich dem­gegen­über ein Be­trag von 1.251,90 €, der sich aus einem Grund­preis in Höhe von 965,90 € (520,10 € : 7 x 13) und einem Zu­schlag für eine Voll­kas­ko­ver­si­che­rung in Höhe von 286,00 € (154,00 € : 7 x 13) zu­sam­men­setzt. Bei län­ger­fris­ti­gen Ver­mie­tun­gen sind über­schie­ßen­de, nicht mehr in Wo­chen- oder Mehr­ta­ges­pau­scha­len auf­ge­hen­de Miet­ta­ge nicht – wie die Klä­ge­rin ihrer Be­rech­nung zu­grun­de ge­legt hat – mit dem je­wei­li­gen Kurz­zeit­ta­rif zu be­rech­nen, son­dern in Höhe des an­tei­li­gen Prei­ses der nächst­lie­gen­den im Miet­zeit­raum er­füll­ten Miet­pau­scha­le (vgl. OLG Köln, a. a. O.; BGH, NJW 2009, 58). Da­raus er­gibt sich ein arith­me­ti­sches Mit­tel in Höhe von 885,98 €. Ein Zu­schlag für un­fall­be­ding­te Mehr­leis­tun­gen ist nicht vor­zu­neh­men, da die Klä­ge­rin nach eige­nen An­ga­ben nach ihrem „Nor­mal­ta­rif“ ab­ge­rech­net hat und ent­spre­chen­de Mehr­auf­wen­dun­gen in ers­ter Ins­tanz auch nicht gel­tend ge­macht hat (§§ 529 Abs. 1 Nr. 1, 531 Abs. 2 ZPO). 16 Von dem vor­ste­hend er­rech­ne­ten Be­trag muss die Klä­ge­rin sich einen Abzug für die er­spar­ten Eigen­auf­wen­dun­gen der Ge­schä­dig­ten an­rech­nen las­sen, wel­che die Kam­mer nach den heute maß­geb­li­chen tech­ni­schen und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen auf 10 % des Brut­to­miet­prei­ses (vgl. BGH, NJW 2010, 1445 m. w. N.), mit­hin einen Be­trag von 88,60 €, schätzt. Ein Ab­se­hen von die­sem Abzug kommt nicht in Be­tracht, da die Ge­schä­dig­te tat­säch­lich ein klas­sen­glei­ches Fahr­zeug der Klas­se 5 (VW Golf Va­ri­ant als Er­satz für einen Ford Escort Kombi) an­ge­mie­tet hat. Zu­sätz­lich zu dem hier­nach ver­blei­ben­den Be­trag von 797,38 € kann die Klä­ge­rin noch die tat­säch­lich an­ge­fal­le­nen (und mit den ent­spre­chen­den An­ga­ben in der Schwacke-Liste über­ein­stim­men­den) Neben­kos­ten für das Zu­stel­len und Ab­ho­len des Fahr­zeugs in Höhe von ins­ge­samt 50,00 € er­setzt ver­lan­gen. 17 2. Der Zins­an­spruch ist aus §§ 291, 288 Abs. 1 S. 2 BGB ge­recht­fer­tigt. 18 III. 19 Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf §§ 92 Abs. 1, 97 Abs. 1 ZPO. Die Ent­schei­dung über die vor­läu­fi­ge Voll­streck­bar­keit folgt aus §§ 708 Nr. 10, 711, 713 ZPO. 20 Der Streit­wert für das Be­ru­fungs­ver­fah­ren be­trägt 727,98 €.