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Entscheidung

1 StR 457/22

Bundesgerichtshof, Entscheidung vom

StrafrechtBundesgerichtECLI:DE:BGH:2023:120723B1STR457
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Entscheidungsgründe
ECLI:DE:BGH:2023:120723B1STR457.22.0 BUNDESGERICHTSHOF BESCHLUSS 1 StR 457/22 vom 12. Juli 2023 in der Strafsache gegen 1. 2. 3. 4. 5. wegen Steuerhinterziehung u.a. - 2 - Der 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat auf Antrag des Generalbundes- anwalts und nach Anhörung der Beschwerdeführer am 12. Juli 2023 gemäß § 349 Abs. 2 und 4 StPO, entsprechend § 354 Abs. 1 und 1a StPO sowie nach § 421 Abs. 1 Nr. 3 StPO beschlossen: 1. Auf die Revision des Angeklagten A. gegen das Urteil des Landgerichts Berlin vom 1. November 2021 wird in Höhe eines Betrages von 3.366.249 Euro in den Fällen 142 bis 148 der Urteilsgründe mit Zustimmung des Generalbundesanwalts von einer Einziehung des Wertes von Taterträgen abgesehen; damit ist gegen den Angeklagten A. die Einziehung des Wertes von Taterträgen in Höhe von 19.872.437,32 Euro gesamtschuldnerisch mit den Angeklagten F. , G. , Ge. , Y. und dem Mitangeklagten K. , jeweils beschränkt auf die Höhe, in welcher bezüglich dieser Ange- klagten die Einziehung angeordnet worden ist, angeordnet. 2. Die weitergehende Revision des Angeklagten A. und die Revisionen der Angeklagten F. , G. , Ge. und Y. gegen das vorgenannte Urteil werden mit der Maß- gabe als unbegründet verworfen, dass a) von den verhängten Gesamtfreiheitsstrafen jeweils neun Monate als vollstreckt gelten; b) gegen den Angeklagten Ge. die Einziehung des Wer- tes von Taterträgen lediglich in Höhe von 13.016 Euro ge- - 3 - samtschuldnerisch mit dem Angeklagten A. ange ordnet ist und die darüberhinausgehende Einziehungsent- scheidung entfällt. 3. Jeder Beschwerdeführer hat die Kosten seines Rechtsmittels zu tragen. Gründe: Das Landgericht hat die Angeklagten A. , F. und G. wegen Steuerhinterziehung in 150 Fällen, davon in zwei Fällen wegen Versuchs, den Angeklagten Ge. wegen Steuerhinterziehung in 82 Fällen und den Angeklag- ten Y. wegen Steuerhinterziehung in 39 Fällen, davon in zwei Fällen we- gen Versuchs, schuldig gesprochen und gegen sie Gesamtfreiheitsstrafen zwi- schen zwei Jahren und sechs Monaten und acht Jahren verhängt. Darüber hin- aus hat das Landgericht Einziehungs- und Kompensationsentscheidungen ge- troffen. Die hiergegen gerichteten Revisionen der Angeklagten, die sie mit der Rüge der Verletzung formellen und materiellen Rechts begründen, haben den aus der Beschlussformel ersichtlichen Teilerfolg. Im Übrigen sind die Rechtsmit- tel unbegründet im Sinne des § 349 Abs. 2 StPO. 1. Hinsichtlich eines Teilbetrages von 3.366.249 Euro hat der Senat in den Fällen 142 bis 148 der Urteilsgründe nach § 421 Abs. 1 Nr. 3 StPO mit Zustim- mung des Generalbundesanwalts aus prozessökonomischen Gründen von einer Einziehung abgesehen. 1 2 - 4 - 2. Die Überprüfung des angefochtenen Urteils lässt zum Schuld- und Strafausspruch keinen Rechtsfehler zum Nachteil der Angeklagten erkennen. 3. Die Kompensationsentscheidung des Landgerichts hält hingegen recht- licher Nachprüfung nicht stand. a) Das Landgericht hat eine rechtsstaatswidrige Verfahrensverzögerung im Ermittlungsverfahren von fünf Jahren festgestellt und daher bei den Angeklag- ten „abgestuft nach der Höhe der gegen sie jeweils verhängen Freiheitsstrafen“ einen Teil der Strafen für vollstreckt erklärt (UA S. 159). Dabei hat es von der gegen den Angeklagten A. verhängten Gesamtfreiheitsstrafe von acht Jah- ren als Kompensation neun Monate für vollstreckt erklärt; bei dem Angeklagten F. sieben Monate von der verhängten Gesamtfreiheitsstrafe von vier Jahren und drei Monaten für vollstreckt erklärt; bei dem Angeklagten G. sechs Mo- nate von der verhängten Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Mona- ten für vollsteckt erklärt und bei den Angeklagten Ge. und Y. , die es zu Gesamtfreiheitsstrafen von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt hat, je- weils vier Monate. b) Mit der ausdrücklichen Verknüpfung der gewährten Kompensation mit der Höhe der verhängten Strafe hat das Landgericht einen rechtsfehlerhaften An- satz gewählt. Die im Wege des sogenannten Vollstreckungsmodells vorzuneh- mende Kompensation koppelt den Ausgleich für das erlittene Verfahrensunrecht von Fragen des Tatunrechts, der Schuld und der Strafhöhe ab. Der Ausgleich für eine rechtsstaatswidrige Verfahrensverzögerung stellt eine rein am Entschädi- gungsgedanken orientierte eigene Rechtsfolge neben der Strafe dar (st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschluss vom 26. April 2019 – 1 StR 471/18 Rn. 11 mwN). 3 4 5 6 - 5 - c) Zur Vermeidung einer weiteren Verfahrensverzögerung und um jede Beschwer der Angeklagten auszuschließen, trifft der Senat die Kompensations- entscheidung selbst, wozu er in entsprechender Anwendung des § 354 Abs. 1a StPO berechtigt ist (vgl. BGH, Beschluss vom 1. Dezember 2020 – 2 StR 384/20 Rn. 10 mwN). Er stellt fest, dass von den verhängten Gesamtfreiheitsstrafen je- weils neun Monate als Entschädigung für die rechtsstaatswidrige Verfahrensver- zögerung als vollstreckt gelten. Dabei orientiert er sich an der in diesem Verfah- ren vom Landgericht gewährten höchsten Kompensation von neun Monaten Frei- heitsstrafe für den Angeklagten A. . 4. Die Einziehungsentscheidung bedarf lediglich im Hinblick auf die gegen den Angeklagten Ge. angeordnete Einziehung einer Korrektur. Wie das Landgericht selbst in den Urteilsgründen dargelegt hat, hat es den Einzie- hungsbetrag im Urteilstenor aufgrund eines Additionsfehlers irrtümlich auf 13.516,13 Euro festgesetzt. Tatsächlich war dem Angeklagten Ge. jedoch nur eine Entlohnung in Höhe von insgesamt 13.016 Euro gewährt worden (UA S. 166). Da das Landgericht diesen Fehler nicht mehr eigenständig durch die schriftlichen Urteilsgründe wirksam korrigieren konnte, hat der Senat die Einzie- hungsentscheidung in entsprechender Anwendung des § 354 Abs. 1 StPO geän- dert. 5. Die Kostenentscheidung beruht auf § 473 Abs. 1 und 4 StPO; ange- sichts des nur geringfügigen Erfolgs der Revisionen ist es nicht unbillig, die An- geklagten mit den gesamten Kosten und Auslagen ihrer Rechtsmittel zu belasten (zur Einheitlichkeit der Kostenentscheidung nach § 473 Abs. 4 StPO bei vollstän- digem oder teilweisem Absehen von der Einziehungsentscheidung nach § 421 Abs. 1 StPO vgl. BGH, Beschluss vom 26. Mai 2021 – 5 StR 458/20 Rn. 3 ff. 7 8 9 - 6 - mwN). Dies gilt auch für die im Revisionsverfahren des Angeklagten Ge. be- treffend die Einziehung entstandenen Kosten, denn das Rechtsmittel hat auch insoweit nur einen geringen Erfolg (vgl. BGH, Beschluss vom 6. Oktober 2021 – 1 StR 311/20 Rn. 29). Jäger Bellay Wimmer Allgayer Munk Vorinstanz: Landgericht Berlin, 01.11.2021 - (524 KLs) 2 St Js 259/08 (8/18)