Urteil
58 C 7167/11
Amtsgericht Düsseldorf, Entscheidung vom
ECLI:DE:AGD:2012:0327.58C7167.11.00
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Tenor
Die Klage wird abgewiesen.
Die Kosten des Rechtsstreits werden den Klägern auferlegt.
Dieses Urteil ist vorläufig vollstreckbar. Die Kläger können die Zwangsvollstreckung durch die Beklagte abwenden, wenn sie Sicherheit i.H.v. 120% des aus diesem Urteil zu vollstreckenden Betrages leistet, soweit nicht die Beklagte zuvor Sicherheit i.H.v. 120% des jeweils zu vollstreckenden Betrages geleistet hat.
Streitwert: 2.400,00 €
Entscheidungsgründe
Die Klage wird abgewiesen. Die Kosten des Rechtsstreits werden den Klägern auferlegt. Dieses Urteil ist vorläufig vollstreckbar. Die Kläger können die Zwangsvollstreckung durch die Beklagte abwenden, wenn sie Sicherheit i.H.v. 120% des aus diesem Urteil zu vollstreckenden Betrages leistet, soweit nicht die Beklagte zuvor Sicherheit i.H.v. 120% des jeweils zu vollstreckenden Betrages geleistet hat. Streitwert: 2.400,00 € Tat­be­stand: Die Klä­ger neh­men die Be­klag­te auf Aus­gleichs­zah­lung aus einer Flug­rei­se in An­spruch. Die Klä­ger buch­ten bei dem Rei­se­bü­ro V am 27.08.2010 eine Flug­rei­se von Düs­sel­dorf nach Jo­han­nes­burg. Auf den vom Rei­se­bü­ro den Klä­gern aus­ge­hän­dig­ten Unter­la­gen (Bl. 6 ff. d.A.) ging die Be­klag­te als „Leis­tungs­trä­ger Flug“ bzw. „Flug­ge­sell­schaft“ her­vor. Hin- und Rück­flug soll­ten je­weils über Lon­don Hea­throw gehen. Der Hin­flug von Düs­sel­dorf nach Lon­don Hea­throw wurde durch die Luft­han­sa AG unter einem Code-Sha­ring mit Bri­tish Mid­land Inter­na­tio­nal aus­ge­führt, der Wei­ter­flug nach Jo­han­nes­burg soll­te mit der Be­klag­ten statt­fin­den. Der Zu­brin­ger­flug aus Düs­sel­dorf lan­de­te in Lon­don um 19.13h statt plan­mä­ßig um 18.55 Uhr. Bord­kar­ten für den Wei­ter­flug waren den Klä­ge­rn noch nicht aus­ge­hän­digt wor­den. Der Flug nach Jo­han­nes­burg durch die Be­klag­te fand plan­ge­mäß um 20.30 Uhr statt, je­doch ohne die Klä­ger. Diese wur­den erst am nächs­ten Tag mit Bri­tish Air­ways nach Jo­han­nes­burg ge­flo­gen. Die Klä­ger mach­ten an­walt­lich ver­tre­ten je­weils 600,00 € Ent­schä­di­gung gegen die Be­klag­te gel­tend, zu­letzt mit Frist­set­zung zum 30.05.2011. Die Klä­ger be­haup­ten, sie hät­ten sich 55 Mi­nu­ten vor dem plan­mä­ßi­gen Ab­flug nach Jo­han­nes­burg am Bo­ar­ding Gate der Be­klag­ten ge­we­sen. Zu die­ser Zeit sei das Bo­ar­ding schon ab­ge­schlos­sen ge­we­sen. Sie be­haup­ten, ein Check-In sei auch am Bo­ar­ding Gate mög­lich. Sie mei­nen, ihnen stehe ein An­spruch aus Art. 7 II c, 4 III 3 lit. a) 2. Alt. VO 261/2004 zu, da Vo­raus­set­zung für die An­wend­bar­keit der VO 261/2004 le­dig­lich eine be­stä­tig­te Bu­chung sei. Die Klä­ger be­an­tra­gen mit der spä­tes­tens am 04.11.2011 zu­ge­stell­ten Klage, die Be­klag­te zu ver­urtei­len, an die Klä­ger je­weils 600,00 € nebst Zin­sen i.H.v. 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 31.05.2011, sowie die vor­ge­richt­li­chen Rechts­an­walts­kos­ten i.H.v. 311,19 € nebst Zin­sen i.H.v. 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit Rechts­hän­gig­keit zu zah­len. Die Be­klag­te be­an­tragt, die Klage ab­zu­wei­sen. Sie meint, die An­wen­dungs­vo­raus­set­zun­gen des Art. 3 II lit. a) iVm 3 I der VO 261/2004 nicht er­füllt wären, da mit „Ab­fer­ti­gung“ iSd Art. 3 II lit. a) der VO 261/2004 der Check-In ge­meint sei. Zu die­sem hät­ten sich die Klä­ger nicht recht­zei­tig ein­ge­fun­den, weil der Flug­gast sich auf­grund der von der Be­klag­ten in ihren unter ihrer Home­page ein­seh­ba­ren Ge­schäfts­be­din­gun­gen an­ge­ge­be­nen Check-In-Zei­ten spä­tes­tens 60 Mi­nu­ten vor dem ge­plan­ten Ab­flug zum Check-In ein­zu­fin­den habe. Man­gels vor­he­ri­gem Check-In liege schon gar keine Be­för­de­rungs­ver­wei­ge­rung am Bo­ar­ding-Gate vor. Im Üb­ri­gen wird auf die ge­wech­sel­ten Schrift­sät­ze und den Ak­ten­in­halt Bezug ge­nom­men. Ent­schei­dungs­grün­de: A. Die zu­läs­si­ge Klage ist un­be­grün­det. I. Die Klage ist zu­läs­sig, ins­be­son­de­re ist das AG Düs­sel­dorf auch zu­stän­dig. Es lie­gen die Vo­raus­set­zun­gen des Art. 5 Abs. 1 b) EuG­VVO vor. Eine Klage auf Aus­gleichs­zah­lung aus der EG VO 261/2004 kann je­doch nach Wahl des be­trof­fe­nen Flug­gas­tes bei dem Ge­richt, in des­sen Zu­stän­dig­keits­be­reich der Ab­flug- bzw. An­kunfts­ort liegt, er­ho­ben wer­den (vgl. EuGH, Urteil vom 9. 7. 2009 - C-204/08). Da es sich letzt­lich um eine ein­heit­li­che Flug­rei­se han­del­te und die Be­klag­te nach den Rei­se­unter­la­gen i.Ü. auch Leis­tungs­er­brin­ger be­tref­fend die ge­sam­ten Luft­be­för­de­run­gen sein soll­te, kann ein Wahl­ge­richts­stand in Düs­sel­dorf nach Auf­fas­sung des Ge­richts auch an­ge­nom­men wer­den, wenn die Stö­rung, für den die Be­klag­te als aus­füh­ren­des Luft­fahrt­unter­neh­men haf­tet erst auf einem spä­te­ren Teil­ab­schnitt der Luft­be­för­de­rung ein­ge­tre­ten ist. II. Die Klage ist je­doch un­be­grün­det. Den Klä­gern steht der al­lein gel­tend ge­mach­te Ent­schä­di­gungs­an­spruch aus Art. 4 Abs. 3; Art. 7 EG/VO 261/2004 nicht zu. Denn das Ge­richt teilt die Ein­schät­zung der Be­klag­ten wo­nach der An­wen­dungs­be­reich der VO 261/2004 schon nicht er­öff­net ist. Für die An­wend­bar­keit der EG VO 261/2004 ge­nügt es nicht, dass der Flug­gast gem. Art. 3 I lit. a) der VO 261/2004 einen Flug von einem Flug­ha­fen aus dem Ge­biet eines Mit­glieds­staa­tes an­tritt. Es reicht auch nicht aus, dass der Flug­gast über eine be­stä­tigt Bu­chung i.S.d. Art. 2 lit. g AG VO 261/2004 für den be­tref­fen­den Flug ver­fügt. Viel­mehr muss sich der Flug­gast au­ßer­dem gem. Art. 3 Abs. 2 lit. a EG VO 261/2004 „wie vor­ge­ge­ben und zu der zuvor schrift­lich (auch auf elekt­ro­ni­schem Wege) von dem Luft­fahrt­unter­neh­men, dem Rei­se­unter­neh­men oder einem zu­ge­las­se­nen Rei­se­ver­mitt­ler an­ge­ge­be­nen Zeit … oder, falls keine Zeit an­ge­ge­ben wurde, spä­tes­tens 45 Mi­nu­ten vor der ver­öf­fent­lich­ten Ab­flug­zeit zur Ab­fer­ti­gung ein­fin­den“ Nach eige­nem Vor­trag sol­len die Klä­ger erst 55 Mi­nu­ten vor der ge­plan­ten Ab­flug­zeit und un­strei­tig ohne Bord­kar­ten und ohne für den Flug ein­ge­checkt zu haben am Bo­ar­ding Gate er­schie­nen sein. Das er­füllt die Vo­raus­set­zun­gen des Art. 3 Abs. 2 lit. a EG VO 261/2004 in zwei­fa­cher Hin­sicht nicht: a) Das Bo­ar­ding Gate ist nicht der rich­ti­ge Ort zur Ab­fer­ti­gung. Der Be­griff „Ab­fer­ti­gung“ i.S.d. Art. 3 II lit. a) der VO 261/2004 meint, was auch aus der eng­li­schen Fas­sung der Ver­ord­nung her­vor­geht, nur den Check-In und nicht den Bo­ar­ding Be­reich (vgl. die eng­lisch Fas­sung des Art. 3 II lit. a) der VO 261/2004: „have a con­fir­med re­ser­va­tion on the flight con­cer­ned and (...) pre­sent them­sel­ves for check-in...“, und BGH, Urteil vom 30.04.2009 - Xa ZR 79/08). So­weit die Klä­ger be­haup­ten, am Bo­ar­ding Gate be­ste­he auch die Mög­lich­keit zum Check-In, ist ihr Vor­brin­gen be­weis­los ge­blie­ben. b) Selbst wenn am Bo­ar­ding-Gate noch ein Check-In mög­lich ge­we­sen wäre, hät­ten sich die Klä­ger dort nicht recht­zei­tig ein­ge­fun­den. Denn sie hät­ten sich zur Ab­fer­ti­gung, also zum Check-In, spä­tes­tens 60 Mi­nu­ten vor dem Ab­flug und nicht 55 Mi­nu­ten zuvor ein­fin­den müs­sen. Ent­ge­gen der Ein­schät­zung der Klä­ger ge­nügt nach Auf­fas­sung des Ge­richts die An­ga­be der Check-In-Zeit auf der Inter­net­prä­senz der Be­klag­ten den An­for­de­run­gen des Art. 3 Abs. 2 lit. a) 1. Spie­gel­strich EG VO 261/2004. Ver­langt wird nicht mehr als die An­ga­be auf elekt­ro­ni­schem Wege. Es ist weder eine be­stimm­te Spra­che vor­ge­se­hen, noch eine di­rek­te und in­di­vi­du­el­le In­for­ma­tion des Flug­gas­tes. In­so­fern ist in der Ver­ord­nung nicht etwa von davon die Rede, der Flug­gast müsse wie z.B. in Art. 14 EG VO 261/2004 in­for­miert wer­den, oder die Check-In-Zeit müsse „mit­ge­teilt wer­den. Viel­mehr ist schlicht von einer an­ge­ge­be­nen Zeit die Rede („in­di­ca­ted“ in der eng­li­schen Fas­sung; „in­di­quée“ in der fran­zö­si­schen Fas­sung). In Ver­bin­dung mit dem Hin­weis durch den Rei­se­ver­mitt­ler auf nä­he­re An­ga­ben zu den Flug­be­din­gun­gen bei dem je­wei­li­gen Flug­unter­neh­men konn­ten die Klä­ger mit noch zu­mut­ba­rem Auf­wand die an­ge­ge­be­nen Check-In-Zei­ten in Er­fah­rung brin­gen. c) Schließ­lich haben die Klä­ger aber auch nicht mit taug­li­chen Mit­teln unter Be­weis ge­stellt auch nur in­ner­halb von 45 Mi­nu­ten vor dem ge­plan­ten Ab­flug zur Ab­fer­ti­gung, selbst wenn diese am Bo­ar­ding Gate mög­lich ge­we­sen wäre, ein­ge­trof­fen zu sein. Den Vor­trag der Klä­ger hat die Be­klag­te aus­rei­chend be­strit­ten, in dem sie Grün­de auf­ge­zeigt hat, wes­halb das Bo­ar­ding Gate ohne Bord­kar­ten nicht er­reicht wor­den sein kann, al­lein weil ohne Bord­kar­ten kein Zu­gang durch ent­spre­chen­de vor­ge­schal­te­te Kont­rol­len mög­lich ist. Hier­auf wurde in der Rep­lik gar nicht mehr ein­ge­gan­gen. Einer Par­tei­ver­neh­mung hat die Be­klag­te nicht zu­ge­stimmt, die Vo­raus­set­zun­gen des § 448 ZPO lie­gen nicht vor. Die Klage war daher ins­ge­samt ab­zu­wei­sen. III. Die pro­zes­sua­len Neben­ent­schei­dun­gen be­ru­hen auf §§ 91 I, 708 Nr. 11, 711 ZPO.